Rückblick eines Ehemaligen

Was hast du vor dem Schulbesuch bei uns gemacht?

Ja, das ist eine lange Geschichte. Nachdem ich auf der Förderschule meinen Hauptschulabschluss nach Klasse 9 gemacht hatte, habe ich eine Ausbildung als Gartenlandschaftsbauer bei der Stadt Kreuztal angefangen. Das ist aber nicht so gut gegangen. Wegen meines Bildungsstatus habe ich mich minderwertig gefühlt und dann gab es eine Geschichte, die nicht so toll war. Darum bin ich gegangen und habe erst einmal eine Zeit von einem guten halben Jahr gebraucht, um mich zu finden. In dieser Zeit fing das mit dem Interesse fürs Programmieren an. Nach der »Rückkehr« habe ich bis 2013 bei der Brauerei gearbeitet und Flaschen sortiert. Da hat sich immer mehr herausgefiltert, dass ich zur Schule will, meinen Realschulabschluss schaffen. Ich bin noch neugieriger geworden aufs Programmieren und dachte, komm, den Job kannst du nicht für immer machen, mach etwas aus deinem Leben.

Du sprichst von großen Ängsten, bevor du mit der Schule angefangen hast und auch währenddessen. Wie du damit umgegangen?

Ich hatte viele Ängste und nur wenig Hoffnung, dass ich die Schule jemals bestehen würde. Englisch hatte ich in der Schule vorher bis auf ein paar Worte nie gehabt, Mathe hatte ich mir selbst etwas beigebracht und in Physik habe ich mich ordentlich reingehängt. Aber ich hatte immer die Angst, dass ich das nicht schaffen könnte. Deutsch war mir immer schon ein Dorn im Auge, aber es hat funktioniert.

Wenn ich ehrlich bin, dachte ich aufgrund meiner Erfahrungen, ich kann nichts, und das hat sich halt durch mein Leben durchgezogen und mich geprägt. Nach dem Realschulabschluss hatte es sich schon ein bisschen gelegt. Es wurde zum Ende hin immer besser, aber erst nach dem Abitur, als ich alles bestanden hatte, war die Angst wirklich weg. Nach den Prüfungen war ich so erleichtert. Ich muss sagen, seitdem ich die Schule verlassen habe, bin ich viel draufgängerischer. Ich mache alles, weil ich Lust darauf habe. Ich schreibe mich in Onlinekurse ein und sammle neues Wissen.

Um mit dem Stress besser klarzukommen, habe ich kurz vor dem Abitur wieder mit Kraftsport angefangen. Ich weiß gar nicht, warum ich damit aufgehört hatte, vielleicht, weil ich mich auf die Schule konzentrieren wollte oder weil ich so spät aus der Schule kam.

Woher kam die Motivation, sich fünf Jahre lang zu disziplinieren, Abend für Abend wieder zur Schule zu gehen?

Dein Gemotze wegen Englisch hat mir geholfen. Auch wenn es an andere gerichtet war, habe ich mich dann wieder aufgerafft. Man muss es halt selbst wollen. Wenn man keinen Bock hat, dann kommt man nicht weiter. Man muss an sich selbst glauben. Natürlich sind auch Lehrer wichtig, die einem das Gefühl geben, dass man das schaffen kann. Motivierend war auch, wenn ich einen Englischtest mit einem »gut« zurückbekommen habe. Oder wenn du gesagt hast, du machst und tust, ich sehe das, auch wenn die Klausur noch nicht wirklich gut ist, weiter so. Das hat motiviert. Obwohl ich das Fach Englisch hasse, brauche ich ja die Sprache für mein Fach Informatik, zum Beispiel zum Verstehen der Onlinekurse.

Man braucht die Unterstützung der Familie und die familiäre Atmosphäre der Schule. Es hilft, dass an der Schule Lehrer sind, die ein offenes Ohr haben. Herr L. hat so coole Beispiele gehabt, ist auf den Tisch gesprungen und hat damit erklärt, dass der Tisch ihm widersteht. Es ging um »wieder« und »wider« und um die unterschiedliche Bedeutung. Das hat mich gefesselt und ich habe viel mit Herrn L. geredet. Durch diese Gespräche ging es mir gut. Die Mathekollegin hat auch so diese Art. Man konnte über einfach alles mit ihr reden, und sie hat sich Zeit genommen, egal wie viel Stress sie hatte. Beide sind positiv verrückt und beide haben ein offenes Ohr.

Inwiefern hat die Schule dein Privatleben beeinflusst?

Es gab zunächst den Faktor Zeit. Ich habe ja immer viel gelernt, für Französisch fast zwei Stunden pro Tag, für Deutsch eine halbe Stunde und für Mathe sicher auch zwei Stunden. Am Wochenende habe ich mich gar nicht um die Schule gekümmert, damit das alles einmal sacken kann. Zum Lernen bin ich oft zu meiner Mutter, um Ruhe zu haben. Morgens von neun bis 14 Uhr habe ich da gelernt.

Das Geld war auch immer recht knapp, aber als es BAföG gab, habe ich aufhören können mit dem Arbeiten, weil man gegen Ende die Zeit zum Lernen braucht. Dass ich Geld bekam, hat mir viele Sorgen genommen. Vorher hatte es mich sehr belastet, wenn ich das Geld zusammenkriegen musste und nicht genug Zeit zum Lernen hatte.

Aber es gab auch positive Auswirkungen. Alle sagen, dass ich einen Sprung nach vorn gemacht habe. Ich habe mich früher schnell aufgeregt und bin ausgeflippt. Wenn man sich minderwertig fühlt, flippt man eben schnell aus. Meine älteren Geschwister haben immer alles geschafft, und dann war da ich von der Förderschule … Die neue Anerkennung hat mir geholfen. Alle sehen, dass ich etwas geschafft habe und sind stolz auf mich.

Jeder weiß, dass Schule nicht ohne Probleme funktioniert. Wo tauchten bei dir Probleme auf, wie bist du damit fertig geworden?

Die erste Klausurphase war heftig, aber ich habe mir Pläne gemacht und habe ein bis zwei Wochen vorher angefangen. Bulimie-Lernen hilft ja nicht viel. Außerdem hab ich Atemübungen gemacht, vorher, aber auch in der Klausur: Hände auf den Tisch, Füße auf den Boden, Augen zu und einatmen, dann konnte ich konzentriert weiterarbeiten.

Das Lernen fürs Abitur war echt viel, viel mehr als für den Realschulabschluss. Ich habe etwas gelesen – nach drei Sekunden war es wieder weg. Ich dachte, mir platzt der Kopf. Es gab auch einen Punkt, da wollte ich aufhören, da kam alles zusammen. Ich hatte einen Autounfall, mit der Kohle war es schwer und ich hatte Migräne. Aber meine Mathelehrerin und meine Mutter haben mir geholfen. Die haben gesagt, mach weiter, wenn es nicht klappt, dann ist das so, aber zieh es jetzt durch. Dieses Gefühl hinwerfen zu wollen gab es immer mal wieder. Im Abitur hatte ich dann nicht mehr das Verlangen, alles hinzuwerfen, und ich hoffe, das bleibt auch so, man muss auch daran arbeiten.

Wo bist du jetzt und wo siehst du dich in zehn Jahren?

Jetzt studiere ich Informatik mit Schwerpunkt IT-Sicherheit. Die Schule hat mir geholfen, mich selbst zu finden. Ich muss und kann mich jetzt an etwas Neues wagen, ich habe keine Angst mehr. Ich war schon im Vorkurs Mathe fürs Studium in Bochum und in Siegen, das war kein Problem. Als ich vor der Uni stand, war das wie ein Traum. Ich wollte das schon immer machen und jetzt kann ich das.

In zehn Jahren möchte ich in einer guten Firma im Bereich IT und Sicherheit arbeiten. Ein möglichst hoher Posten wäre gut, weil ich forschen und freie Hand haben will. Es geht mir um die Freude, natürlich verdient man hinterher gut, aber ich mache es für die Freude. Die Bildung mache ich, um über mich hinauszuwachsen, nicht bloß für Geld. Ich will auch Spaß bei der Arbeit und durch die Arbeit.

Wenn du uns als Schule beraten solltest, welche Tipps hättest du?

An PEVA hat mich ab und an genervt, dass ich lernen wollte, und dann war es im Raum zu laut. Aber dann habe ich mich in einen separaten Raum verzogen und da allein gelernt. Auch war die Zeit zu knapp. Du fängst etwas an und hast dich gerade hineingedacht, und dann klingelt es schon. Ich hätte dann gerne abends noch eine Stunde angehängt, um die Aufgabe in Ruhe fertig zu machen.

Dann gibt es Fächer, in denen man es ruhiger angehen könnte, wie die zweite Fremdsprache. Trotz großem Einsatz der Lehrerin gab es schlechte Noten. Von der zweiten Fremdsprache weiß ich jetzt auch so gut wie nichts mehr. Die arme Kollegin ist manchmal echt an uns verzweifelt.

Aber wenn ich hier in der Schule war, war ich glücklich. Wenn man es sich hier selbst schön macht, dann ist es hier auch schön. Man muss jeden respektieren, so wie er ist. Es gibt halt unterschiedliche Typen, vor allem bei den Lehrern, aber wenn man zeigt, dass man will, dann wird einem geholfen und man wird selbst auch respektiert.